Manchmal frage ich mich, was mich eigentlich so erschöpft.
Ist es wirklich das Leben?
Oder sind es die Gedanken, die ich mir über das Leben mache?
Ich kenne das gut. Ich spiele Situationen im Kopf durch, die noch gar nicht passiert sind. Ich führe Gespräche, die noch gar nicht stattgefunden haben. Formuliere Antworten. E-Mails. Überlege, was jemand sagen könnte und was ich darauf antworten würde.
Meistens steckt dahinter der Wunsch nach etwas, das wir wahrscheinlich alle gerne hätten: Klarheit und Sicherheit.
Wir möchten wissen, was passiert.
Wir möchten vorbereitet sein.
Vor allem möchten wir verhindern, dass etwas schiefgeht.
Also fängt der Kopf an zu arbeiten.
Was ist, wenn es nicht funktioniert?
Was mache ich dann?
Was passiert, wenn ich Geld verliere?
Was ist, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?
Und irgendwann hat man im Kopf einen ganzen Film über eine Zukunft produziert, die es noch gar nicht gibt.
Das Erstaunliche daran ist: Das Leben interessiert sich herzlich wenig für unsere Drehbücher.
Es geht seinen Weg.
Warum sollte das ausgerechnet bei mir funktionieren?
Diesen Satz kenne ich schon sehr lange.
Wenn ich eine neue Idee hatte, kam irgendwann immer wieder diese Frage:
Warum sollte das ausgerechnet bei mir funktionieren?
Das gibt es doch schon.
Andere können das viel besser.
Ich habe doch gar keine Erfahrung damit.
Das klappt doch sowieso nicht.
Ich glaube, dass ein Teil davon aus meiner Kindheit kommt.
Nach der vierten Klasse wollte ich gerne auf die Realschule oder vielleicht sogar aufs Gymnasium.
Ich war kein besonders guter Schüler. Das gehört zur Wahrheit dazu.
Aber ich erinnere mich bis heute an diese Haltung:
Das hat doch keinen Wert. Das schaffst du sowieso nicht. Bleib lieber auf der Hauptschule.
Damals habe ich das einfach akzeptiert. Ich habe mich nicht geschämt. Ich war auch nicht besonders traurig. Viele Kinder gingen damals auf die Hauptschule.
Erst später habe ich mich gefragt: Warum hat man mich nicht einfach ausprobieren lassen?
Wenn es nicht funktioniert hätte, hätte ich immer noch einen anderen Weg gehen können.
Heute denke ich manchmal: Warum nicht erst einmal schauen, was passiert, wenn es klappt?
Eine Sackgasse ist nicht das Ende der Straße
Nach der Hauptschule begann ich eine Ausbildung zum Bäcker.
Warum ich mir das damals angetan habe und nachts um zwei Uhr in einer Backstube stand, weiß ich heute selbst nicht mehr so genau.
Meine Mutter arbeitete in einer Bäckerei. Ich kannte diese Welt. Vielleicht erschien es einfach naheliegend.
Nach zwei oder drei Monaten brach ich die Ausbildung ab.
Eine Sackgasse.
Danach begann ich eine Ausbildung zum Kellner in einem Holiday Inn.
Und plötzlich veränderte sich etwas.
Dieses Hotel hat mir eine Welt gezeigt, die ich vorher nicht kannte. Ich begegnete Geschäftsleuten und Menschen, die viel reisten. Menschen, die gut gekleidet waren, gutes Geld verdienten und offensichtlich ein anderes Leben führten als das, das ich bisher kannte.
Und ich merkte: Diese Welt gefällt mir.
Ich war gut in meinem Beruf. Schon während meiner Ausbildung durfte ich eigene Tische bedienen. Ich lernte, Gerichte am Tisch zuzubereiten, zu flambieren, zu tranchieren und zu filetieren.
Aus dem schüchternen Außenseiter, der in der Schule häufig gehänselt worden war, wurde langsam ein selbstbewusster junger Mann.
Ich war stolz auf das, was ich konnte.
Und die Gäste honorierten es. Zu meiner Ausbildungsvergütung kamen zeitweise rund 1.000 Mark Trinkgeld im Monat.
Das hat mich aufgebaut.
Vielleicht habe ich damals etwas gelernt, das ich später trotzdem immer wieder vergessen habe: Nur weil eine Straße nicht weitergeht, bedeutet das nicht, dass die Reise vorbei ist.
Sackgassen gibt es genug im Leben. Nicht alle Straßen führen dahin, wo man hin möchte.
Ich konnte mutig sein und trotzdem zweifeln
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, entdecke ich darin einen Widerspruch, den ich selbst nicht vollständig erklären kann.
1999 bin ich zum ersten Mal ausgewandert.
Ich habe auf Mallorca gelebt, auf Ibiza, auf Gran Canaria und auf Bali. Auf Bali habe ich sogar eine Hühnerfarm aufgebaut.
Ich bin dort gescheitert.
Von 2009 bis 2014 lebte ich wieder im Kinderzimmer meiner Mutter und bezog Hartz IV.
Danach bin ich wieder gegangen. Nach Bangkok.
Und heute, mit 64 Jahren, sitze ich in Siem Reap in Kambodscha und schreibe diesen Text.
Eigentlich müsste man bei dieser Lebensgeschichte meinen, dass ich ein Mensch bin, der grundsätzlich davon überzeugt ist, alles schaffen zu können.
Bin ich aber nicht.
Und genau diesen Widerspruch finde ich heute interessant. Bei manchen großen Entscheidungen hatte ich kaum Zweifel. Bei anderen Dingen kann ich mir selbst hervorragend erklären, warum sie wahrscheinlich nicht funktionieren werden.
Das Internet hat es mir nicht unbedingt leichter gemacht
Besonders deutlich zeigt sich dieser Widerspruch, wenn ich an die vergangenen Jahre denke.
In den vergangenen zehn Jahren habe ich mich mit unzähligen Möglichkeiten beschäftigt, online etwas aufzubauen. Ich habe Kurse gekauft, Webinare besucht, Social-Media-Profile erstellt und YouTube-Kanäle angefangen.
Und irgendwann kam fast immer wieder dieser Gedanke:
Warum sollte das ausgerechnet bei mir funktionieren?
Im Internet findet man dafür genügend Bestätigung. Beim Trading liest man, wie viele private Trader Geld verlieren. Bei Online-Geschäftsmodellen hört man, wie viele Menschen aufgeben.
Und ich fing an, nach Beweisen zu suchen.
Ich schaute mir YouTube-Kanäle an und fand diejenigen, die nach einem Jahr vielleicht 200 Abonnent*innen hatten und irgendwann keine Videos mehr veröffentlichten. Ich fand Social-Media-Profile, die offensichtlich aufgegeben worden waren.
Und meine innere Stimme sagte:
Siehst du, Uwe?
Die haben es auch nicht geschafft.
Warum solltest du es schaffen?
Und dann habe ich tatsächlich häufig wieder aufgehört.
Das ist vielleicht einer der Punkte, die ich heute anders sehe.
Ich hatte nach Bestätigung dafür gesucht, dass etwas nicht funktioniert.
Und natürlich habe ich sie gefunden.
Heute achte ich darauf, was ich in meinen Kopf lasse
Ich beschäftige mich seit ungefähr 2012 intensiver mit Meditation, positivem Denken, Affirmationen, Spiritualität und Manifestation.
Ich bin darauf in einer Lebensphase gestoßen, in der ich sehr viel Zeit hatte. Ich lebte wieder bei meiner Mutter, bezog Hartz IV und verbrachte viele Stunden im Internet.
Spiritualität hatte mich ohnehin schon lange interessiert. Und wie das im Internet so funktioniert: Man schaut sich etwas an und entdeckt das nächste und das nächste.
Heute gehe ich damit bewusster um.
Ich schaue seit Jahren kein Fernsehen mehr. Mein Netflix-Abo habe ich gekündigt. Seit meinem Umzug nach Siem Reap habe ich für mich noch einmal entschieden, mich kaum noch mit Politik, Kriegen und den täglichen Katastrophenmeldungen zu beschäftigen.
Nicht weil diese Dinge nicht existieren.
Sondern weil ich viele davon nicht ändern kann.
Früher lag ich in Bangkok manchmal abends im Bett und scrollte durch YouTube. Politik, Krisen, Konflikte, schlechte Nachrichten. Das waren die letzten Informationen, die ich meinem Kopf gab, bevor ich einschlief.
Heute scrolle ich im Bett nicht mehr. Ich höre lieber eine buddhistische Geschichte, etwas Positives oder Meditationsmusik.
Ich achte darauf, was ich in meinen Kopf lasse.
Der alte Gedanke ist immer noch da
Ich könnte diesen Artikel jetzt wunderbar enden lassen und behaupten, dass ich meine negativen Gedanken überwunden habe.
Habe ich aber nicht.
Gestern hatte ich sie wieder.
Ich beschäftige mich gerade erneut mit Trading. Nach ungefähr 14 Jahren ist dieses Thema wieder in mein Leben gekommen. Ich habe viel Zeit investiert, eine Strategie festgelegt, Regeln ausgearbeitet und das Ganze sehr systematisch aufgebaut.
Und gestern meldete sich die alte Stimme:
Mein Gott, Uwe. Jetzt fängst du wieder mit dem Trading an.
Das klappt doch sowieso nicht.
Beim Blog passiert dasselbe.
Warum sollte sich jemand dafür interessieren, was ich schreibe?
Warum sollte jemand meine Geschichten lesen wollen?
Diese Gedanken sind noch da. Vielleicht werden sie mich noch lange begleiten.
Aber etwas ist heute anders.
Ich nehme sie wahr.
Und manchmal sage ich mir:
Moment.
Das ist ein Gedanke.
Das ist nicht die Wahrheit.
Was passiert, wenn es klappt?
Ich versuche heute nicht, mir einzureden, dass alles funktionieren wird.
Vielleicht funktioniert mein Tradingprojekt nicht.
Vielleicht interessiert sich irgendwann kaum jemand für diesen Blog.
Vielleicht werde ich noch einige Sackgassen in meinem Leben entdecken.
Mit 64 wäre es vermutlich etwas vermessen anzunehmen, dass ich ab jetzt ausschließlich die richtigen Abzweigungen nehme.
Aber warum sollte ich schon heute gedanklich in einer Zukunft leben, in der alles gescheitert ist?
Wenn ich ohnehin nicht weiß, was passieren wird, kann ich mir auch eine andere Frage stellen:
Was passiert, wenn es klappt?
Was passiert, wenn meine Tradingstrategie funktioniert?
Was passiert, wenn Menschen meine Geschichten lesen?
Was passiert, wenn aus einer Idee etwas entsteht, das ich heute noch überhaupt nicht sehen kann?
Ich weiß es nicht.
Und genau das ist der Punkt.
Ich muss es heute noch nicht wissen.
Ich glaube an positives Denken. Ich glaube an das Gesetz der Anziehung und daran, dass unsere innere Ausrichtung Möglichkeiten, Situationen und Menschen in unser Leben bringen kann, die wir vorher nicht gesehen haben.
Das ist mein persönlicher Glaube. Kein wissenschaftliches Versprechen und keine Garantie dafür, dass das Universum jeden Wunsch erfüllt, wenn man nur intensiv genug daran denkt.
Für mich geht es um etwas Einfacheres.
Wenn ich die Wahl habe, meine Gedanken ständig mit dem möglichen Scheitern zu beschäftigen oder mir auch vorzustellen, wie etwas gut ausgehen könnte, möchte ich immer öfter die zweite Möglichkeit wählen.
Nicht weil ich weiß, dass es klappt.
Sondern weil ich aufgehört habe, das Scheitern schon vorher zur Wahrheit zu erklären.
Ich kämpfe immer noch mit diesen alten Gedanken. Was jahrzehntelang in einem steckt, verschwindet nicht innerhalb weniger Tage.
Aber ich versuche es zu ändern.
Und ich werde es schaffen.
